Der SchneideRing

Das poetische Hauptquartier

Hajos Beichte

Eine wahrhaftig wahre Geschichte. Erzählt von Stefan „Stuffel“ Eckstein. Ganove. Niedergeschrieben von mir. Gönnerin. 

Schwule wie mein alter Freund Böwi, der ein brauchbarer Zahnarzt ist und leider zu faul war, um zu promovieren, sind grundsätzlich liebenswert. Etwas merkwürdig bei strenger Analyse, aber doch recht normal. Fast schon stinknormal, sollte man meinen. Ich denke sehr wohl, dass sie von Natur aus prinzipiell nicht mehr und nicht weniger spektakulär sind als beispielsweise meine Mutter oder meine mütterliche Freundin Ingeborg, meinetwegen auch ich. (Böwi, mein Guter, der Du meinst, ich hielte mich für oberwichtig, siehst Du wohl, Du kennst mich gar nicht!) Wir alle sind vom Wesentlichen her betrachtet geradezu enttäuschend langweilig, und ich empfinde es weder als chic noch aufregend noch sonderlich liberal, wenn Leute ganz besonders viele Schwule kennen. Sie kennen halt lediglich einige ganz normale Langweiler mehr. So wie ich. Mag man mich jetzt getrost Spielverderber nennen, aber meine (sehe ich so!) gradlinige Darlegung dieses ganzen unorganisierten Fragepakets über die Spezies Homos im Hirn scheint mir rein faktisch unantastbar.

Ich weiß natürlich genau, wovon ich spreche. Die Leute quetschen sich meinungstechnisch vorlaut in den Vordergrund, obwohl die meisten ganz hinten in der Schlange bestens aufgehoben sind. (Böwi, Du nicht!) Punkt. Außerdem komme ich selbst ja auch nicht besser weg, obgleich ich meinen eigenen Charakter unverfroren schätze und durchaus gern bewundert werde. Ich selbst bewundere niemanden, das nur zur definitiven Klärung meiner Werteinschätzung anderer, die ich als gegeben hinnehme, die ich aber nicht unbedingt kennen muss. Wirklich nicht.

Bei Hajo und Gregor war es grundsätzlich genauso. Ein verdammtes Schwulenpärchen mehr auf meiner Liste, schön, abgehakt. Dachte ich damals. Urlange her. Trotzdem, das würde ich vermutlich immer noch denken, wenn ich sie nicht entgegen meines Naturells in ihrer Wohnung besucht hätte. Trockenblumensträuße. Ungefähr eine Million, wenn nicht mehr. Haschkekse. Wodka aus Mokkatassen. Hajo strippte. Gregor zickte deswegen etwas herum, vermutlich, weil er annahm, dass ich auf so was stehe. Ich bin ziemlich streng hetero, das war bereits unter uns seit diesem idiotischen Gemeindefest, wo wir uns kennen gelernt hatten, recht vernünftig abgeklärt worden. Aber irgendwie glaubten sie mir wohl doch nicht so ganz, ich habe offensichtlich dieses verfluchte Problem, schwul zu wirken, das hat mich schon in ganz andere denkwürdigere zwischenmenschliche Situationen verfrachtet, gehört aber momentan wirklich nicht hierher.

Bis auf Hajos versoffene Stripnummer war also nichts Besonderes zu verzeichnen in dieser mit grob geschätzt einer Billion Troddelkissen ausstaffierten Schwulenbude. Aber dann rief der Pfarrer an.

„Hi, Schwarzmännchen.“ Gregor hatte den Hörer abgenommen, nickte hinein, legte die Hand auf die Muschel, – es war einer dieser pechschwarzen alten Apparate mit Wählscheibe und gekordelter Schnur, bescheuert unpraktisch und tonnenschwer, hat aber was! -, sah fragend und immer noch missbilligend zu Hajo hinüber, der mit seiner Unterhose beschäftigt war, die er sich zwischen die Arschbacken geklemmt hatte, und flüsterte: „Der Schwarzmann.“

Der Name war mir seit ungefähr vierundzwanzig Stunden geläufig. So hieß der Pfarrer unserer Gemeinde. Hajo und Gregor hatten ihn mir am Bierstand der Altpfadfinder vorgestellt als „Und das ist der Klaus!“, und irgendwie war ich in vorpubertäre Scheu verfallen, als mir klar geworden war, wem ich da mit meinem Becher so ganz unter neuen Kumpels zuprostete. Ich vermied es daraufhin, Klaus direkt anzusprechen. Immerhin war der Typ Pfarrer, und das verlangte selbst mir einen gewissen Respekt ab, so was steckt in mir drin, dafür ist meine Mutter verantwortlich. Sitz grade! Grüß höflich! Sag artig Danke und Bitte! Und duz um Gottes willen den Herrn Pastor nicht!

Meine Mutter dürfte das alles übrigens gar nicht wissen, fällt mir grad ein, es würde ihr derb den Glauben versauen oder zumindest den Appetit, aber sie liest die meisten meiner Geschichten erst gar nicht, obwohl sie immer schön großkotzig mit mir angibt: „Ja ja, unser Markus schreibt ja auch.“ Auch. Sie nennt mich ohne mit der Wimper zu zucken im selben Atemzug wie irgendeinen x-beliebigen Nobelpreisträger, und das ist zwar nett und typisch mütterlich, aber oftmals einfach nur peinlich. Ich nehme ihr das aber grundsätzlich nicht übel, wie ich ihr so viele bedauernswerte Defizite in meiner Gutmütigkeit nicht ankreide, eben, weil sie nun mal meine Mutter ist. Lieb, aber stur. Ausgesprochen stur.

Wenn meine Mutter sagt, dass Pfarrer nicht schwul sein können, dann ist das eben so. Basta. Ergo würde sie mir widerspruchslos unterstellen, mir das alles in meiner schmutzigen Phantasie ausgedacht zu haben. Sie würde schmutzig sagen, übrigens erstaunlicherweise, da sie diese Vokabel niemals bei Pater Ralph angewendet hat. Dornvögel. Das war für sie einfach nur zum Heulen schön. Tragisch. Lebensnah.

Bleibt festzuhalten, dass meine Mutter eine Heuchlerin ist. Zumindest in diesem Punkt, der freilich nicht unbedingt unwesentlich ist, um Charakter realistisch und ohne unnötige Beschönigungen definieren zu können. Gleichwohl liegt es mir hier fern, gewisses eklatantes Fehldenken meiner Mutter zu analysieren. Sei sie, wie sie ist. Gleiches gilt für Hajo, Gregor und Klaus, die ich längst schon aus den Augen verloren habe. Für meine persönliche Weiterentwicklung spielt das keine Rolle. Ich wünsche ihnen an dieser Stelle einfach nur weiterhin alles Gute. Und Klaus im Speziellen, dass er nicht ein zweites Mal seiner neuen Gemeinde irgendwo im tiefsten madonnenfürchtigen Schwarzwald, wie man munkelt, Adieu sagen muss, weil zwei verflucht süße Schwulenärsche nicht ihre verdammte respektlose Klappe halten können.
Ehrlich gesprochen.

Hajo und Gregor waren ein nett anzusehendes Paar. Fand zweifellos auch der allseits beliebte Klaus Schwarzmann, der selbst als ausgesprochen frei und modern denkender Pfarrer bekannt war. Bekannt war „Schwarzmännchen“ wohl auch für geile Sauforgien unter der Dusche, allerdings selbstredend nicht offiziell, und auch ich, im Regelfall stets bestens informiert dank unzähliger Quellen in der so genannten Ich-weiß-was-was-Du-nicht-weißt-Szene, wie jede Stadt sie hat und braucht oder auch nicht, wusste davon nichts. Es zu erfahren hat mich natürlich nicht direkt umgehauen. Meine Naivität hält sich genauso stark in Grenzen wie mein Glaube an eine reine Seele im klassischen Sinn. Grundsätzlich, so meine ich, wälzen wir uns doch alle im tiefsten Morast menschlicher Abgründe, zumindest mental, und ich würde einen Teufel tun, Schwarzmännchen zu verurteilen.

Seine Predigten hatten durchaus Unterhaltungswert, und die alten Mütterchen aus der Seniorenresidenz waren allesamt auf rührende Art sehr verliebt in ihn. Er ist, soweit ich das bei praktizierter notwendiger Recherche durchaus behaupten kann, niemals auch nur ansatzweise stillos in die Kirche getorkelt, dafür war er auch zu sehr Profi, und er hat sich niemals abartig gelenkt an unschuldigen Minderjährigen vergriffen, hat sich gelinde gesagt überhaupt an nichts so recht vergriffen, klammert man jetzt, streng beurteilt, Hajo und Gregor mal aus. Die beiden hätte er sich kneifen können. Hätte. Geschenkt.
Als ich an ich diesem Abend in Hajos und Gregors mit Kitsch überladener Wohnung, die schon fast lachhaft tuntig dekoriert war, das Gespräch zwischen erst Gregor und Klaus, dann Hajo/Klaus, wieder Gregor/Klaus, dann, nachdem aufgelegt worden war, zwischen Gregor und Hajo und irgendwie auch mir als stummem Mitwisser verfolgte, war mir nachstehender Sachverhalt klar: Pfarrer Schwarzmann steht auf Männer. Aktiv. Passiv sowieso. Und wenn nachts die komplette Gemeinde selig pennt, säuft und duscht er mit Kerlen. Vorzugsweise jungen, aber eben nicht gefährlich jungen, und das allein verdient meinen bescheidenen Segen. Soweit, so banal.

Ging mich ja prinzipiell nichts an. Auch nicht, dass sich Hajo und Gregor nach diesem ersten aufklärenden (für mich!) Telefonat derb in die Haare kriegten. Da ging es um so gravierende Dinge wie: Wer hat wann und wo mit wem?! Wer und wem, das waren logischerweise Hajo, Gregor und Schwarzmännchen. Wann und wo war die letzte Nacht, also die nach dem besagten Gemeindefest, in der wohl Gregor bei Schwarzmännchen im Pfarrhaus war. Derweil Hajo mit mir in der „Pumpe“ mehrere Absacker kippte, einer schmierigen Eckkneipe irgendwo im Westviertel, in der wir auf der Suche nach Gregor hängen geblieben waren, bevor wir ihn dann bei „Paulas“ fanden und wieder verloren. Ich erinnerte mich vage, immerhin hatte ich in den letzten Stunden tierisch Stress gehabt, so was bringt das System durcheinander.

Man bedenke mit Respekt: Erst dieser Riesenstunk mit Corinna am Samstagvormittag, Schluss gemacht, ich übrigens, keineswegs sie, dann Tequila für mich allein, ganz unkonventionell ohne Firlefanz, dann Bier mit Andreas, schwer Krach gehabt, Freundschaft vorerst gekündigt, rausgeschmissen, Bier für mich allein, einsam und verletzt gefühlt, über den tragischen Charakter meiner für irgendwann geplanten Memoiren nachgedacht, anders überlegt, Andreas angerufen, entschuldigt, rumgeschnauzt, Entschuldigung zurückgenommen, doch wieder in meiner fairen Art eingelenkt, etwas rumphilosophiert, Intellekt halbwegs wiedergefunden, letztendlich prinzipiell einverstanden erklärt mit seinem idiotischen Vorschlag, doch mal auf dieses beknackte Gemeindefest zu gehen, um die neue Organistin aufzureißen (er!), hingelatscht, ersten Bierstand gesichtet, geblieben, Organistin gesichtet, angequatscht, Bier getrunken, rumgeblödelt, Organistin angemacht, coole Scheiße mit schwer sezierbarem Inhalt erzählt (ich!), Organistin vergrault, Andreas sauer, abgehauen, ich zurückgeblieben, folgerichtig auch sauer, da mutterseelenallein an einem Ort, wo ich nicht hingehöre. Mit Tenor Franz-Josef über den makabren Stellenwert von Kirchenchören in der illusionslosen Wegwerf-Gesellschaft diskutiert, Brüderschaft mit Jupp getrunken, Hajo und Gregor und Schwarzmännchen kennen gelernt, weiter diskutiert und weiter gesoffen.

Und plötzlich steh ich allein da mit Hajo, der Bierstand macht offiziell dicht, und wir sind dafür verantwortlich, dass die armen Betbrüder am Zapfhahn nicht pünktlich Feierabend machen können, weil wir immer noch da rumstehen und Bier wollen. Also saufen die gequälten Märtyrer mit, und ich lade Schuld auf mich und indirekt auch auf meine unschuldige Mutter, die mir beigebracht hat, brave Kirchgänger nicht besoffen zu machen. Ihr Versagen. Leider. Hajo kratzt das alles nicht.
Es ist bereits kurz vor Mitternacht, und Hajo macht einen Riesenaufstand, weil Gregor, die „miese Schlampe“, weg ist. Also ziehen wir los, um Gregor zu suchen, und landen in der „Pumpe“, wo Hajo mir von seinem verstorbenen Zwillingsbruder erzählt und von Gregors Abneigung, in den Hintern gefickt zu werden. Und dass ihm das ganz recht sei, weil er selbst das auch nicht so prickelnd fänd.

Wenn ich jetzt, relativ klar im Kopf bis auf die halbe Flasche Wein, die sich bereits in mir zu amüsieren versucht, sachlich darüber nachdenke, irritiert mich dieses Bekenntnis immer noch. Ich glaubte bis dato, das sei so üblich. Dass ein Schwuler die Sache an sich nicht leiden kann, mehr noch, sich beharrlich weigert, finde ich seltsam, aber vielleicht war ich in dem Punkt nicht korrekt informiert. Ich stelle mir vor, also heute noch, wie sie’s denn ansonsten so praktiziert haben, alternativ eben dazu, meine ich, ohne jetzt die Million Möglichkeiten mit einzuschließen, Sex miteinander zu machen, aber da verliert sich meine Phantasie ins Nirwana. Denn, ganz konkret gesagt, jeder lumpige Gummiknüppel wäre ja auch nur ein Schwanzersatz, folglich auch unbrauchbar, da das Gefühl an sich, eben irgendwas da hinten drin stecken zu haben, wohl das primäre Problem war. Ist. Wenn ich das nun richtig verstanden habe. Was ich habe. Ergo: Sie haben’s einfach nicht getan. Vielleicht hat aber Pfarrer Schwarzmännchen es gern mit sich machen lassen, vielleicht lag da der Reiz von Kabale und Liebe, ich hätte fragen sollen. Zu spät jetzt, leider. Eigentlich.

Wir fanden Gregor ein paar Häuserblocks und zwei Magenbitter pro Kopf weiter (hatte Hajo als Wegzehrung aus der „Pumpe“ mitgenommen) bei „Paulas“ an der Theke und befreien ihn von irgendeiner gefärbten Wuchtbrumme, die grad dabei war, einen Schwulen zu bekehren. Hoffnungslos romantisch, die Kleine.
Zu diesem Zeitpunkt will ich nach Hause. Mir ist nicht mehr so gut, das weiß ich noch, und außerdem zanken Hajo und Gregor schon wieder mordsmäßig miteinander herum. Ich kann da nicht mehr so folgen, aber es geht mir wahnsinnig auf die Eier, dieses Geblöke, und wie ich mich noch sozusagen endgültig dafür entscheide, jetzt unumgänglich abzuhauen, steh ich schon wieder allein da mit Hajo. Ist dieses verfluchte Weichei Gregor also zum zweiten Mal klammheimlich abgedackelt, und ich hab Hajo am Hals, der mit Eunuchenstimme rumkreischt und einen auf Diva macht und zu irgendeinem Mist, der aus den Lautsprechern dudelt, mit dem Arsch wackelt. Aber wie.

Das klingt jetzt scheußlich peinlich, aber ich muss hinzufügen, dass Hajo selbst mir in diesem Moment ausgesprochen sexy vorkam. Ich war völlig blau, aber in meinem tiefsten Innersten, das nüchtern war, fand ich ihn sexy. Die ganze Kneipe johlte, als Hajo sich rhythmisch verrenkte und zwischendurch seinen Unterleib immer wieder wahlweise an Paula und an mir rubbelte. Die fette Wirtin juchzte und krallte sich mit ihren grün lackierten Fingernägeln irgendwo zwischen Hajos Beinen fest. Ich tat nichts dergleichen, aber ich ließ ihn aus für mich unerklärlichen Gründen machen, vielleicht war’s ein grundehrlicher Drang zur provokanten Prostitution in primitivem Ambiente, keine Ahnung, so im Nachhinein. Paula und das restliche Publikum hatten zweifellos Spaß mit den zugedröhnten hübschen Schwuchteln, tja, so dachten sie wohl, und ich meinerseits trug nichts zur Aufklärung bei, spielte den entzückenden kleinen Homo und fand’s irgendwie noch deibelig komisch, weil eh‘ keine Bräute da waren, die ich zumindest mit geschlossenen Augen gern gefickt hätte.

Hajo hatte den Kanal genauso voll wie ich, zweifellos, aber er hielt sich tapfer, mehr noch, er wirkte zumindest beim Tanzen kein Stück scheintot. So wie ich vermutlich. Irgendwann kriegte mein hinreißender neuer Freund mein Elend dann auch mit und zog mich mit für seine Zartgliedrigkeit erstaunlicher Kraft vom Barhocker hoch raus aus dem Mief und an die frische Luft, der ich ihr wohliges Aroma dankte, indem ich erst mal in den Bordstein kotzte. Literweise. Dann ging’s wieder. Irgendwie.

Im Nachhinein überfällt mich ein Ansatz nachvollziehbarer Panik, weil ich Hajo auf dem Nachhauseweg meine Zunge in den Hals gesteckt habe. Ich sage das jetzt ganz offen, es ist tatsächlich passiert, ich habe mit einem Schwulen geknutscht. Ich war stramm und irgendwie auf kitschige Art auch leicht willenlos, außerdem bin ich kein Homo, um das nochmals nachdrücklich festzuhalten. Aber es war geil. Hätte nicht viel gefehlt, und wir hätten derb gefummelt. Glaube ich.
Am nächsten Morgen fand ich mich auf jeden Fall in meinem eigenen Bett wieder, und der Tag wäre dann auch vermutlich ohne diesen Anruf von Gregor ganz gemütlich dahingeplätschert. Es war früher Nachmittag, ich fühlte mich weder durstig noch gedachte ich, meinen Kopf unnötig mit Denken zu belasten, aber dann stiefelte ich doch los, weil Gregor mächtig herumgequengelt hatte, ich solle doch vorbeikommen, schließlich sei Sonntag, und sie hätten Wodka und selbstgebackene Haschkekse.

Wohlgemerkt: Durstig war ich nicht unbedingt, aber ich hatte auch tatsächlich so rein gar nichts vor, und so ging ich eben hin auf einen Sprung und ein Glas vielleicht. Vier Stunden später hing ich immer noch dort rum, und es ging mir nicht wesentlich besser als in der Nacht zuvor. Aber ich wusste mehr. Beispielsweise, dass die beiden ihre grottenhässlichen Trockenblumensträuße selbst machten, um sie auf Kunstmärkten zu verschachern, auch die gruseligen Kissen mit den Troddeln und wirklich widerliche Schnörkeleien für Kerzenhalter und Servietten. Mir wurde richtig schlecht, allein bei der Vorstellung, dass zwei erwachsene Männer gemeinsam auf ihrem Flokati hocken, Mangotee trinken und Schnulzen von Neil Diamond hören, während sie selbst gepflückte Blümchen zum Trocknen auf Zeitungspapier ausbreiten und Troddeln an bestickte Kisschen nähen. Ich kann das jetzt auf intellektueller Schiene nicht werten, ich sag einfach mal ganz pauschal, dass ich so was nicht maskulin finde, und das ist jetzt wirklich sehr harmlos und fair formuliert. Mehr sage ich nicht, sonst wird mir wirklich wieder übel, und das kann ich jetzt nicht gebrauchen.

Während wir Kekse knabberten, machte Gregor mir eine fürchterliche Szene. Ich hätte definitiv was mit Hajo gehabt, da könnte ich noch so sehr einen auf intellektueller Macho machen, und mein theatralisches Gequatsche von meiner absolut hundertprozentigen Heterosexualität sei ja wohl eine ganz miese Show. Ich musste irgendwie hysterisch lachen, das schob ich auf die Kekse, aber dann wurde ich doch verdammt wütend und brüllte Gregor an und zwischendurch auch Hajo, der das alles offensichtlich sehr spaßig fand. Er hatte sich bäuchlings auf die Couch gelegt und stemmte seine Unterarme auf meinen Oberschenkeln ab, was mir eindeutig zu intim war. Sein Kopf befand sich in gefährlicher Nähe meines Hosenschlitzes, die Stellung war einfach grotesk, und während Gregor dramatisch auf den Zeitungen im Wohnzimmer hin und her marschierte und mich „Verräter“ nannte, gluckste Hajo zufrieden in meinen Schoss.

In diesem Moment schwor ich mir, nicht mehr mit Schwulen zu saufen und meine Zunge bei mir zu behalten, denn ansatzweise hatte ich durchaus ein schlechtes Gewissen Gregor gegenüber. Andererseits waren wir drei mittlerweile bereits wieder schwer angeschlagen. Ich fragte mich, wo Hajo und Gregor diesen immensen Vorrat an Wodka gebunkert hatten, weil mein Glas ständig voll war, bis ich merkte, dass ich gar keinen Wodka mehr trank, sondern irgendwas gelbes Ungarisches, das klebrig süß war. Egal.
Irgendwie schaffte ich es dann durch geschickte Gesprächsführung, die ich wirklich verdammt gut beherrsche, wenn’s drauf ankommt, das lästige Thema wegzubringen von Hajo und mir, es war ja auch grundsätzlich lächerlich, das Ganze, und ich wollte eigentlich nur noch ein, zwei Kekse und vielleicht noch etwas von dem Ungarn, um dann abzuhauen, aber dann schwenkte alles um und Hajo, der plötzlich wieder kerzengerade neben mir saß und hektisch eine Zigarette rauchte, knallte uns beiden, gleichsam perplex, das prinzipiell Wesentliche unserer netten kleinen Geschichte um die Ohren, das ich übrigens längst schon vergessen hatte: Gregors mysteriöses Verschwinden.
„Du Nutte sei mal ganz still, klar!?“

Das war Hajo. Er sagte das ganz ruhig. Bedenkenswert ruhig. Sagte es und legte sich wieder hin. Natürlich auf mich. Er schnurrte dabei zufrieden wie ein Kätzchen, derweil ich mich deutlich unwohl fühlte. Wusste ich, wozu von schnöder Eifersucht geplagte Schwule fähig sein können?! Die Nutte sah uns argwöhnisch, freilich auch sichtlich verstört zu. Blieb aber gleichfalls ruhig. Keine Spur von Aggression, ganz erstaunlich. Hajo kicherte und tätschelte mein Knie. „Geredet haben sie, die beiden Süßen, stell Dir vor, die ganze Nacht geredet, einfach nur gequatscht über Seelen und Scheiße. Und Sülze und Schwänze. Ach, fick Dich, Gregor.“ Dann entfernte er sich mit einem eleganten Satz von meinem Unterleib und begann, zu strippen. Völlig unmotiviert. Gregor kannte die Show wohl schon, ich aber nun mal nicht, und ich fand sie, ohne jetzt als Spielverderber dastehen zu wollen, auch keineswegs angebracht, eben in dieser komplett kuriosen Situation. Da werde ich also gezielt von einem Schwulenpärchen an einem heiligen Sonntagnachmittag abgefüllt, muss mir unterstellen lassen, sexuell wohl etwas desorientiert zu sein, hör mir das endlose Gekeife dieser tittenlosen Zicken an und werde dann auch noch visuell vergewaltigt.

Hajos Nummer ließ mich denn auch völlig kalt. Ich schlug den väterlichen Ton an, den Schwule, die im Begriff sind, sich ohne Hemmungen auszuziehen, nicht so gut leiden können. Denke ich. Ich sagte also: „Lass doch den Quatsch jetzt mal.“ Ich finde so was ernüchternd. Hajo wohl auch irgendwie, aber nicht so ganz verbissen. Er tänzelte mit heruntergeklappten Augenlidern auf mich zu und klatschte mir mit ausgesprochen graziöser Wucht sein Hemd um die Ohren. Ich wollte grad protestieren, da klingelte das Telefon. Pfarrer Schwarzmann. Der Rest ist Geschichte. Zumindest, was meinen aktiven Part betraf. Während Hajo und Gregor abwechselnd die Muschel zuhielten, flüsterten, pöbelten, kreischten, also miteinander, um dann dem aufmerksamem Dritten am Ende der Leitung irgendwelche abstrusen Stichworte zuzuwerfen, mal kichernd, mal grölend, aber mit abartig viel Heiteitei, machte ich die Fliege. Unhöflich, aber clever von mir. Auf dem Gehweg machte ich drei Kreuze. Heiliger Antonius, sei gedankt. Allerdings vorschnell. Es war noch nicht vollbracht.

In den nächsten Tagen hatte ich viel um die Ohren, ignorierte mal Hajos, mal Gregors Endlos-Gequatsche auf meinem Anrufbeantworter und ging mit Corinna aus dem Schreibbüro aus, um mal wieder in korrekter Reihenfolge und am richtigen Ort meinen Schwanz ausfahren zu lassen. Ging gut, ich war wieder Mann ohne Schwulengefolge. Bis Sonntagfrüh gegen neun, also eine Woche nach meinem Besuch in der Homo-Bude. Ich erwartete einen Anruf und ging ohne jegliches Zögern dran, als es klingelte, völlig sicher, dass das so in Ordnung war. War’s aber nicht. Es war Gregor. Aufgewühlt, mit sich hektisch überschlagender Stimme fragt der Wahnsinnige mich doch, wohl auch noch hundertprozentig ernst gemeint, grußlos zudem: „Ist Hajo bei Dir?!“

Ich, ganz schwer mit meinem Atem beschäftigt, kurzum, empört keuchend wie ein nicht so richtig aufgeklärtes Waschweib: „Wie kommst Du denn auf diese gottverdammt saublöde Idee?! Natürlich nicht.“ Schweigen. Ich hielt mich an, Ruhe zu bewahren. Nur nicht die Wut kriegen. Jetzt. Wieder seine Stimme, diesmal piepsig, also ein Stimmchen, rührend eigentlich: „Wirklich nicht?!“ Verloren klang er, der arme Gregor. Tat mir richtig Leid. Trotzdem schnauzte ich ihn an: „Nein. Sonst noch was?!“ Oh Herr, hätte ich nicht gefragt. Die ganze Nacht sei der böse, böse Bube weggeblieben, – „Macht er sonst niiieee!“ – , kein noch so unpräziser Anruf, nein, keiner, und er, Gregor, würde sich natürlich die allergrößten Sorgen machen, denn den Hajo können man ja nicht aus den Augen lassen, ständig würden die verfluchten Kerle den anmachen, auch in seinem Beisein, das stelle man sich mal vor, und Hajo, dieses Kind, dieser Narziss, diese elende Tunte mit ihren babyblauen Augen, dieses versoffene Stück, dieses hingebungsvolle Etwas zum Vögeln, diese seine (Gregors!) große wahre Liebe, dieser affektierte Pestbeutel mit seinem Affenschwanz (Stichwort hier wohl: Schmerz, großer Schmerz!), der kleine Hajo würde jetzt definitiv Blödsinn machen, nein, sich was antun nicht, nein, der nicht trotz seiner Zwillingsneurose, und er habe auch schon beim Schwarzmann angerufen, aber da würde keiner drangehen. Jesses Maria. Dachte ich. „Warum auch?“ Sagte ich. „Wieso warum?“ Wirklich misstrauisch, dieser Kerl. „Weil Sonntagmorgen ist und der Typ seinen Predigt-Mist auswendig lernen muss.“

Ich Fuchs. Ich verdammter Kenner des Genres. Erst mal Pause. Vermutlich war Gregor für den Moment von meiner Weitsicht schwer beeindruckt. Trotzdem ließ dieser Dickkopf nicht locker. „Der ist jetzt mit was ganz anderem beschäftigt, das kannst Du mir glauben.“ Ich lachte. Wahrlich zum Wiehern, dieser Dialog. „Du musst es ja wissen.“ Treffer für mich. Gregor am anderen Ende der Leitung schnappte hörbar nach Luft. „Damit das mal klar ist, ich habe und hatte nie was mit dem Schwarzmann. Was da in der letzten Woche im Pfarrhaus abgegangen ist, kann ich Dir mit drei Worten sagen. Reden. Zuhören. Reden. Mehr nicht. Und das hat mir verdammt gut getan. Ich brauchte das. Okay?!“ Ich zog anerkennend die Augenbrauen hoch, was Gregor nicht sehen konnte, also ließ ich sie wieder hängen. Respekt. Das klang so grundehrlich spießig, dass ich nicht umhin kam, auch nur ansatzweise an seinen Worten nicht zu zweifeln. Ich glaubte ihm. So einfach war das. „Geschenkt, Gregor. Wenn ich was höre, melde ich mich.“

Ich legte auf. Gut eine Stunde später hatte ich meinen eigentlichen Anruf erledigt (Corinna, zweites Date, zweiter Fick, Eure Heiligkeit, ich danke) und wollte grad zur Tür raus, da geht das verfluchte Telefon schon wieder los. Ich warte. Vier Klingelzeichen, mein idiotischer Spruch, dann Hajo. „Bist Du da? Du ahnst nicht, was los war. Das errätst Du nie.“ Blödes Kichern. Grundsätzlich hatte ich noch etwas Zeit, grundsätzlich war ich jetzt doch tierisch neugierig. Also ab an die Front.
„Hajo?! Von wo rufst Du an?“ Wieder Kichern. „Pfarramt. Ich bin im Pfarramt. Hier ist noch Rotwein.“ Ich ignorierte den Wein, das war mir zu wirr. „Was machst Du im Pfarramt?“ Die Ignoranz hätte ich mir schenken können. „Schwarzmännchen und ich haben uns noch rasch einen genehmigt. Ich bin noch nicht fertig damit.“ – „Und Schwarzmann?“ – „Ist in der Kirche. Der predigt grad.“ Gott, wo war ich? „Gregor sucht Dich. Wo hast Du denn gesteckt? Die Nacht?“ Ich kam mir vor wie Hajos Mutter. Hajo hickte. Tatsächlich war es wohl ein Rülpser, aber eben einige Oktaven zu hoch. „Ach ne?! Gregor? Ich war beim Schwarzmann. Der hatte Besuch.“ – „Was für Besuch?“ Hajos Mutter hatte sich mental in meinem Hirn eingenistet. „Hörst Du? Was für Besuch?“ Hajo schluckte. Messwein, klar. Empörend, so was. Dann. „Engländer. Austauschstudenten.“

Hajo gackerte kurz auf. Schien sich kolossal zu amüsieren. „Und?!“ Das war wieder mein rhetorisches Talent. Ich lief wahrlich zu Höchstformen auf. Penner. Ich. Wieder Hajo. „Schwul. Heiß, was?! Alle beide. Witzig, was?!“ Ich fand erfreulicherweise zu mehr Sprache zurück. Mein Sarkasmus war auch wieder da. Nett. „Da hat aber einer so richtig verflucht viel Glück gehabt, was, Hajo?!“ Hajo gähnte. Schluckte noch einmal. Das mit dem Messwein konnte ich immer noch nicht fassen. Mit so was besäuft man sich nicht. Ich bin auf dem Gebiet sehr streng. „Meinst Du mich oder den Schwarzmann?! Egal, Du, auf jeden Fall hat der Schwarzmann den Keller voll mit Flaschen, Du, das hast Du noch nicht gesehen. Wir haben uns total die Kante gegeben. Wild durcheinander, Scheiße, bin ich breit. Also. Wir alle. Bis heute Morgen. Und dann alle zusammen geduscht. Und dann ab ins Pfarramt. Die Jungs sind mit in die Kirche. Kerl, mein Kopf dröhnt.“ Ich schwieg. Dazu konnte und wollte ich nichts mehr sagen. Absurderweise aber schaffte ich es allen Ernstes noch, mir um das Wohlbefinden unseres Herrn Pfarrers Sorgen zu machen. „Schafft der Schwarzmann das denn überhaupt? Die Messe jetzt, mein‘ ich.“ Hajo plärrte los. „Immer.“ Jetzt schluckte ich. Liebste Mama, danke Gott für Deine naive Seele. Verehrte Frau Mutter von Hajo: Raus aus meinem Kopf!

„Hockst Du da eigentlich allein im Pfarrbüro herum?“ Ich konnte hören, wie Hajo strahlte. „Klar. Willst du vorbeikommen? Ist noch Wein da.“ „Nein.“ Ich schüttelte mich. Dann, müde wie ein weißer Vater, der seinen Sohn endgültig an den schwulen Häuptling verloren hat: „Geh nach Hause, Hajo. Gregor wartet.“
Ich senkte mein Haupt und fühlte mich sehr reif und sehr leer. Das war’s für heute. Ich war am frühen Sonntagmorgen bereits so alt, wie ich es am Abend unmöglich noch hätte werden können. Corinna lenkte mich etwas ab von meiner Gram, oh nein, ich dramatisiere nicht, es schmerzte in meiner Brust, ich kam mir vor wie ein kleiner Junge, der erfährt, dass es zwar Elefanten gibt, aber keine rosafarbenen. Und doch, ich muss gestehen, so arg traf es mich auch wieder nicht, denn ich bin weltoffen und überhaupt, was ging mich all das eigentlich an?! Einzig Pfarrer Schwarzmann verdiente mein Mitgefühl. Oder nicht?! Konnte der arme Kerl ahnen, welch zauberhafte Schäfchen er sich da zum Kaffeekränzchen eingeladen hatte? Oder war er der schlechte Hirte? Gott, der war gut …

Am Abend hatte ich noch einmal Gregor auf Band. „Ich weiß alles. Ich zeige den Scheißkerl an. Vielleicht musst Du auch aussagen. Wir zählen auf Dich. Ciao.“ Wir! Wie süß. Hatten die beiden Schmusebacken sich wohl wieder eingekriegt, goldig, diese Zweisamkeit. Mir kam was hoch. Was Übles, aber etwas Panik war auch dabei. Die war freilich überflüssig. Die Polizei meldete sich bei mir nicht, nur Hajo und Gregor riefen im Wechsel noch mehrmals bei mir an und quasselten Hohles auf meinen Anrufbeantworter, bis sie wohl selbst merkten, dass ich nicht zurückrufen würde.

Einige Monate später sind sie weggezogen, keine Ahnung, wohin, Pfarrer Klaus Schwarzmann ging früher. Angeblich auf eigenen Wunsch. Ich will’s gar nicht wissen. Hajo sah ich noch einmal im Fernsehen, bei einer dieser abartigen Talk-Shows stöckelte er mit schwarzer Langhaarperücke und einem wirklich genialen Make-up in die Manege und sang irgendwas, keine Ahnung, es war gruselig. Mein beachtenswerter Freund Böwi, der an diesem Tag liebeskrank neben mir auf dem Sofa hockte, vergaß glatt, weiter zu heulen. Er fand Hajo peinlich. Ich nickte kräftig, weil es so war, gleichzeitig fühlte ich diese kitschige Wehmut, die durchaus verständlich sein sollte. Ich schenkte nach, weil wir beide frei hatten und uns legal am hellen Nachmittag besaufen durften. Hajo. Ich glaube nicht, dass Gregor noch mit ihm zusammen ist. Dass sie wirklich nur geredet haben in dieser Nacht würde ich allerdings nicht mehr mit meinem gesunden Glauben unterschreiben.

Updated: 16. Februar 2017 — 16:25

The Author

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Zuletzt erschienen: Gottes kalte Gabe, Toter Besuch, und „Schweigeminuten“ (als e-books, auch: „Rosen für Max“), im Dr. Ronald Henß Verlag, Saarbrücken, Lebt in Recklinghausen.
  1. Das krasse Gegenteil einer Prosaminiatur, aber eine prima Humoreske. 😉

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