Der SchneideRing

Das poetische Hauptquartier inklusive der Audioveranda

Mollusk

Die Bewusstwerdung der Wirkmächtigkeit der Worte ist die Wahrnehmung von Realitäten in einer absurden Welt. Am Anfang war das Wort, es steht am Ende alles Lebens wie wir es kennen. Der unachtsame Umgang mit dem Wort ist Blasphemie an der Sinnhaftigkeit alles Lebensentwurfes, das achtlos geschriebene Wort ein Sakrileg.
Ein ausgesprochenes Wort macht insofern einen Unterschied, wie ein fallender Baum ein Geräusch im Wald verursacht, auch wenn dieser möglicherweise menschenleer ist; wohingegen das niedergelegte und beglaubigte Wort Zeugnis gibt und unser Dasein statuiert in einer sonst leeren Welt. Ein Ding ist ein Ding, weil ich sage, es sei ein Ding. Vorher ist es das abstruseste Nichts, unsichtbar, nicht existent in diesem Dasein. Eine Rose ist eine Rose.
Die Gefährlichkeit mächtiger Worte zeigt sich in der Täuschung und der Manipulation: wenn von Frieden die Rede ist, und es herrsche Krieg; wenn Terroristen Freiheitskämpfer seien; wenn das Reich des Bösen das Arbeiterparadies sei. Und umgekehrt.
Das Wort ist am Anfang. Und es steht am Ende. Woher sollten wir sonst wissen, was das eine ist und was das andere. Ein Geist schwebt über den Wassern, wenn ich ihn benenne. Die Sonne scheint, weil sie so heißt.
Mollusken sind keine Zuckerschnecken.

© Rainer M. Scholz

The Author

Rainer Scholz

Rainer Scholz

Rainer M. Scholz, Jg. 1968, verheiratet, 1 Kind, M.A. der Philologie (Germanistik und so), Gelegenheitsarbeiter

8 Comments

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  1. Hallo Herr Scholz,

    hat es einen Grund, dass Sie schreiben: … Am Anfang war das Wort … statt: Im Anfang war das Wort? Letzteres finde ich stärker. Prolog des Johannesevangeliums hin oder her.

    Beste Grüße

    read An

    1. Ja, nun, nein, das ist mir tatsächlich untergegangen. Ich könnte jetzt antworten, dass ich mich aber von der Vorlage absetzen wollte oder dass das auch an anderer Stelle hätte stehen können usw.
      Weil es so existentiell ist – das erste Wort -, zitiere ich nicht die Bibel und lass es stehen. Wahrscheinlich war es vorher auch schon irgendwo eingeritzt. Ich weiß gar nicht, ob das Gilgamech-Epos nicht älter ist. Aber da steht es auch nicht drin.
      Grüße,
      R.

    2. „Im Anfang“ hieße, dieser dauere noch an, aber wir sind ja ständig in der Endzeit begriffen, dem Tode nahe, und der Anfang ist vorbei. Welche Spezies hätte sich jemals selbst ausgelöscht. Vielleicht sieht Intelligenz nach uns anders aus. Nach mir womöglich – in meinem Anfang. Vielleicht fängt sie nach uns erst an. Oder sie existiert, und wir sehen sie nicht.
      Ist mir beim Napalm Death-Hören eingefallen.

      1. Beide Aussagen setzen unterschiedliche Verstehens- oder Annahmemodelle voraus. Am Anfang markiert einen Punkt. Während Im Anfang durchaus auch die Urknallannahme mit ins Boot nimmt und alle Universenmodelle (Trichter, Fussball, Donut etc.).

        Sicher, es steht nicht gut um uns. Und um die Sprache sowieso nicht. Besonders unsere „Alltagssprache“ zeugt von unserem Umgang miteinander. Alles ist Sprache (oder Information). Aber nicht alles ist Wort. So gibt es die Körpersprache. Oder angsteinflößende Architekturen:

        Zeig´mir deine Städte und sage dir in welcher Diktatur du (über)lebst.

        Das Bewusstsein war mir schon immer ein Thema. Und somit auch die Sensibilität.

        Bewusstsein. Was ist das?

        Ich denke mir, besser: ich nehme an, dass alles, was ich annehme, auch ist (oder: wird). Das Wort Annahme allein ist Hypothese und Hochzeit mit ihr zugleich. (Ich mag dieses Wort.) So kam es ja auch, dass die Wissenschaft heute offen zu gibt, ganz bewusst und gezielt auch im Fiktionalen, in der Fantasy zu kruschen. Ein Glück!

        Zur Intelligenz ist nur schwer was in Kürze zu sagen. Ist ein weiter Begriff.

        Ich höre gerade Dorian Hunter und lese demnächst meinen ersten Groschenroman.

  2. Im Anfang – um es in die Zukunft zu projizieren, dass da noch etwas Besseres kommt? Was mich total nervt, wenn Stillstand mit einer erreichten Bewusstseinsebene gleichgesetzt wird, von der aus alles bereits klar scheint (oder so getan wird als ob). Es sollte allein schon evolutionstechnisch doch so eingerichtet sein, dass der Zustand des dauernden Erlernens ein immanenter sei. Ein Tag ohne Aha-Effekt sei ein schlechter Tag. Aber dem ist nicht so, und immer, wenn ich mit einer Person sprechen muss (sagen wir auf Arbeit), die den Lernprozess für sich generell als abgeschlossen betrachtet, stoße ich sehr an die Grenzen von Kommunikation.

    Welcher Groschenroman ist es denn?
    Grüße,
    R.

    1. Dass wir, wenn wir miteinander kommunizieren, immer wieder erfahren, dass wir an die Grenzen von Kommunikation stoßen, hängt womöglich damit zusammen, dass der Mensch auch auf einer Ebene lernfähig ist, die sich den Gegebenheiten und ständigen Veränderungen anpasst. Ich spreche von der Welt und wie er sie für sich eingerichtet hat und weiterhin einrichtet. Sie adaptiert ihn. Er lernt auf schmerzhafte Weise hocheffizient zu sein. Zumindest ist es ihm noch schmerzhaft. Wie das in ferner Zukunft aussieht, kann ich nicht genau sagen. Allenfalls mutmaßen, schaue ich mir Investmenttrends von Großkonzernen an, die in Forschungsfelder investieren, sie sogar vor- und in Auftrag geben, die diverse lebensverlängernden Maßnahmen beforschen. Kryonik oder: Lad´ mein Bewusstsein ins Netz, Scotty! Bye bye Körper. Er, der Mensch, überlebt und er wird auch noch lange überleben. Aber als was? Psychosomatische Reaktionen nehmen schon lange zu. Und ich schreibe deswegen Reaktionen weil ich den Begriff Krankheit ablehne. Ich verstehe darunter eher eine jeweilige Reaktion auf etwas Gegebenes (genetisch bedingte oder durch Drogen ausgelöste Verhaltensweisen und Wahrnehmungsveränderungen mal ausgeschlossen) und ihr daraus resultierendes Erscheinungsbild. Eine Reaktion, die ihn verhindert, meine: ihn aus dem lebensfeindlichen Mahlstrom herausnimmt. Die Anorexie z.B. gibt es noch nicht allzu lange und kommt zudem nur in der westlichen, sog. Wohlstandswelt vor. Völker, die noch eher mit und durch die Natur ihr Leben bestreiten, kennen so etwas nicht.

      Wichtig jedoch ist: Ich spreche hier vom Menschen als Masse. Nicht vom Einzelnen, der, wie du es tust, diese Diskrepanz, wie sie sich bei dir vielleicht im Gespräch mit den Kollegen zeigt, noch sehr spürt. Ich habe ja auch Arbeitskollegen und bin für diese auch Kollegin. Ich denke oft, es mangelt an Einlassung weil eben alle geschwind und effizient sind. Wirklicher Austausch und Interesse gehen, in Ermangelung von Zeit, mehr und mehr verloren. Ohne Zeit keine Muse. Ohne Muse keine Muße.

      Wir sollten mehr spielen. Mit uns selbst und mit dem Anderen. Darunter verstehe ich aktives Lernen und Erlernen. Eros im eigentlich umfassenden Sinne. Ich und Du: Das ist mindestens eine Welt. Und nebenbei sollten wir auch altes verschütt gegangenes Wissen wiederentdecken. Ja, wir waren vielleicht schon mal schlauer, z.B. was den Bau von Pyramiden betrifft. Pflanzenkundiger waren wir auch schon mal uswusf.

      Ich starte mal mit John Sinclair. Liegt daran, weil ich von dieser Serie bereits Hörspiele vorgehört habe und noch höre, um reinzukommen.

      Grüße

      read An

      1. Nachtrag: Schnecken gab es schon, da gab es noch nix! (-Auch das noch zu deinem Text.)

        Na, vielleicht lese ich dann doch zuerst einen Zamorraheftroman: Die Rache der Werschnecke. Den gibt´s wirklich!

        1. Wahrscheinlich auch keine Zuckerschnecken, um den Bogen zurück zum Text zu schlagen.
          Ich fand Perry Rhodan als Hörstück unheimlich gruselig, als Text eher unheimlich lang.
          Grüße,
          R.

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