Der SchneideRing

Das poetische Hauptquartier inklusive der Audioveranda

Absinthische Begebnisse IX

Wie sonderbar. Wo doch alle Erinnerungen an vergangene Zeiten erloschen schienen. Aber jener kleinen Pille entsann er sich schlagartig. Seine Fahrkarte ins Reich der Träume. So hatte der Alte sie stets bezeichnet. Und wie versprochen, der weise Magier hatte ihn nicht vergessen. Eine weitere Eintrittskarte deponiert, auf dass er ihm zur rechten Zeit folgen würde. Und wann sollte dieser Zeitpunkt sein, wenn nicht hier und jetzt.
Rein zufällig erklang die blecherne Stimme des Lautsprechers, der die Abfahrt des nächsten Zuges nach Irgendwo avisierte. Zum Einsteigen und Schließen der Türen aufforderte.
Wie selbstverständlich stieg er in den Wagon. Nahm im erstbesten Abteil Platz. Überließ sich der einschläfernden Monotonie der rasselnden Räder. Schaute aus den Augenwinkeln dem rasenden Spiel der Schatten im Spiegelbild der Scheiben zu, derweil die Lokomotive immer weiter beschleunigte. Bis sie nur noch einem Strich im Raum glich. Jegliches Geräusch erstarb und urplötzlich verschwand sie von der Bildfläche.
Doch noch immer lutschte er genüsslich an seinem bunten Bonbon. Derweil ihm die letzten Zahlen über seine Lippen kamen. Oder waren es Verse? Aber was spielte das noch für eine Rolle.
Doch kalt der Wind, der ewig lauscht. So breit die Straßen.
Kurvenlos. Vergeblich die Schilder. Bäume mit stechendem Blick weisen die Sterne. Badete im Blut meiner Augen. Im Sud meiner Zunge.
Den geköpften Gedanken verwehrte ich jedweden Trost. Die Welt, die Welt, sie wandelt sich. Wie ich es spüre. Auf Haut und Knochen. In Augen, im Leibe. Alles Feste wird biegsam. Alle Statik verliert ihren Halt. Die Häuserfluchten, sieh, wie sie schwanken, gleich Fähnchen im Winde. Die Türme, das Hohe, selbst Berge beugen sich zu mir herunter. Wie wankende Riesen im stürmischen Wind. Drücken mich an sich. Küssen mich sanft auf die welken Lippen. Die Welt, sie liebt mich. Erstmals nach so langer Zeit.
Die Synapsen greifen mit ihren Zweigen nach mir. Schleudern mich hoch in die Lüfte. Fangen mich zärtlich in Neuronenblättern.

Updated: 19. März 2017 — 08:27

The Author

think Tank

think Tank

think Tank wurde 1959 in NRW geboren. Vierfacher Dr. honoris causa. Mehrfache Bestätigung der Schuldunfähigkeit wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung gem. § 20 STGB. Im Jahre 2005 begann er mit dem Schreiben. Ein treibendes Motiv in seinen Texten ist die konfessionsübergreifende Religion im Sinne von "religio" – Rückverbindung zum eigenen, natürlichen Ursprung. Wer mich ernst nimmt, ist selber schuld. Wer es nicht tut, ebenso.

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